Richard von Hardt

18 November 2010 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

120 Jahre Ehrenbürger in (Remscheid-)Lennep

Um sich ein Bild von Richard von Hardt machen zu können, muss man die Zeit, in der er lebte, vorab betrachten. Seine Eltern waren Engelbert und Louise Hardt. Engelbert Hardt war Tuchfabrikant und Inhaber der Firma Johann Wülfing & Sohn, der den Grundstock für die Industrialisierung seines Unternehmens legte und für die Anfänge der Produktion von feinen Lenneper Tuchen 1815 nach Dahlerau sorgte. Ebenso zeichnete er verantwortlich für die Gründung des Hauses Hardt & Co. in New York und Berlin. Seine Mutter Louise Hardt entstammte der früher Ehringhäuser, später Lüttringhauser Familie Hasenclever, die ein sehr aktives Kaufmannsgeschlecht war. Die Familie Hasenclever brachte nicht nur international handelnde Kaufleute hervor, sondern auch ein bekannter Maler, Johann Peter Hasenclever, machte sich einen großen Namen. Die Familien Hardt und Hasenclever bestehen bis heute in diesen Zweigen fort. Louise Hardt war Mitglied des evangelischen Frauenvereins Lennep und wurde 1995 Namensgeberin für die Louise Hardt Stiftung, einem Kinderhilfswerk für den Kirchenkreis Lennep, was sicher in ihrem Sinne gewesen wäre.

Was Peter Hasenclever im 18. Jahrhundert für Remscheid gewesen ist, dies war im 19. Jahrhundert der Großkaufmann und spätere Rittergutsbesitzer Richard von Hardt für Lennep. Am 6. August des Jahres 1824 wurde er in Lennep als Sohn des Tuchfabrikanten Engelbert Hardt geboren. Seine Lehrzeit im Hamburger Kaufmannshaus Schemman wies ihm die Bahn, nämlich die Früchte des buchstäblichen Lenneper Gewerbefleißes, der oft symbolisch auf Abbildungen als Bienenkorb dargestellt wurde, ins Ausland zu tragen. Er war noch nicht 23 Jahre alt, als er sich entschloss, mit seinem älteren Bruder Heinrich über den Ozean zu gehen und in New York ein eigenes Haus zur Einfuhr und zum Verkauf von Tuchwaren aus dem elterlichen Hause in Lennep zu errichten. So entstand am 1. Juli 1847 die Firma Hardt & Co. in New York, die bald zu einem weltumspannenden kommerziellen Unternehmen heranwuchs. Durch seine ruhige Ausgeglichenheit, frischen Unternehmungsgeist, aber auch durch Wagemut kam das Geschäft zu hoher Blüte; man führte schon bald außer Tuchwaren auch andere Erzeugnisse ein, für die man einen günstigen Absatz erwartete. Niederlassungen wurden bald auch an anderen Orten errichtet. Die beiden Brüder, die sich bis 1862 abwechselnd in Deutschland und Amerika aufhielten, siedelten in diesem Jahre nach Berlin über und überließen die Vertretung in Amerika den jüngeren Geschäftsinhabern. Verheiratet war Richard von Hardt mit Elise von Schemman, einer Angehörigen seiner Lehrfirma aus Hamburg.

Von Berlin aus wurde nun in Gemeinschaft mit der Firma Wülfing & Sohn in Lennep ein gemeinsames Geschäft hauptsächlich für deutsche Tuchwaren gegründet, die nach Südamerika, Indien, China und Australien ausgeführt wurden. Deutsches Tuch wurde weltbekannt und hatte wegen seiner Güte einen ausgezeichneten Ruf. Noch heute sind Nachfahren damaliger Firmenmitarbeiter bekannt, die über Generationen zur Vermittlung Lenneper Produkte in Südamerika lebten und jetzt teilweise in Australien angesiedelt sind. Nicht umsonst hieß es also über viele Jahrzehnte auf Postkarten und Stempelungen: Lenneper Tuche haben Weltruf. Um 1900 umfasste das Berliner Welthaus Hardt & Co zahlreiche unterschiedliche Unternehmungen: eine Verkaufsstelle in Bradford und Manchester in England, in Amerika (New York) ein Einfuhrhaus für Tuch- und Seidenwaren, Futter- und Kleiderstoffe, in Buenos Aires und Montevideo zur Einfuhr von Webwaren aller Art und zur Ausfuhr von Wolle und Getreide, in Valparaiso, Santiago, Conception und in Lima zur Einfuhr von allerlei Webwaren. .

Schon wenige Jahre nach seiner Übersiedelung nach Berlin kaufte Richard von Hardt aus polnischem Besitz in Wonsowo bei Nowy Tomysl (Neutomischel) bei Posen ein großes Gut von 1.500 ha, das sehr heruntergekommen war, später jedoch zu einem der angesehensten Mustergüter mit einem bedeutenden Englischen Park wurde. Das Gut, das seine Geschichte bis in die mittelalterliche Geschichte der Benediktiner zurückführt, ist heute ein Luxushotel. Es war bis in den 2. Weltkrieg noch in Familienbersitz. Hardt führte in Posen den Zuckerrübenbau ein, begründete in Opaleniza eine Zuckerfabrik und in Rentschen eine Stärkefabrik. Richard von Hardt bekleidete auch viele Ehrenämter, besonders erfreute er sich der Wertschätzung der Kaufleute, für die er eine Art Wegweiser und Vorbild war; Zahlreiche Stiftungsaktivitäten gingen von im aus, z.B. ging auf ihn im Jahre 1890 der Plan zurück, im Rahmen des Kirchenbau-Vereins für Berlin die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu erbauen.

In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm Kaiser Wilhelm II am Tage der Jahrhundertfeier den Wilhelm-Orden. Dieser wurde im Deutschen Reich überhaupt nur sehr selten und ausschließlich an sehr hochstehende bzw. einflussreiche Personen vergeben. Trotz seiner vielen Ehrenämter und seiner Tätigkeit auf dem Gebiete der Volkswohlfahrt in Berlin vergaß er seine Vaterstadt Lennep nicht. Stets griff er helfend ein. Im Jahre 1889 stiftete er anlässlich der Vollendung des neuen Lenneper Rathauses ein Kaisergemälde, eine Arbeit des Berliner Malers Professor Biermann. das später an das Remscheider Stadtarchiv ging. Auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 2. 12. 1890 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Lennep ernannt. Der Düsseldorfer Maler Johann Gehrts fertigte den Ehrenbürgerbrief an.

Am 5. 2. 1891 fuhr eine Deputation der Stadt Lennep nach Berlin, um den Ehrenbürgerbrief zu überreichen. Aus dem Dankschreiben Richard von Hardts geht hervor, wie sehr er seine Heimatstadt liebte. Es heißt dort wörtlich: “Mit meinem ganzen Herzen und inniger Liebe hänge ich an meiner Heimatstadt Lennep.“ Dies bewies er mit einer Reihe von Stiftungen in den Jahren 1894 bis 1897, und zwar spendete er: 10.000 Mark für den evangelischen Frauenverein, „in welche meine unvergessliche Mutter stets mit Liebe gearbeitet hat“; 10.000 Mark dem evangelischen Vereinshaus; 10.000, Mark der Unterstützungskasse und Pensionskasse für Fabrikarbeiter; 10.000 Mark für den Stadtgarten in Lennep (später Kommunalfriedhof). Am 29. 9. 1898 erlag Richard von Hardt einem Herzschlag in Berlin und wurde später auf seinem Gut Wonsowo (heute Polen) beigesetzt. Zu seinem Begräbnis entsandte die Stadt Lennep eine Deputation von drei Herren: Bürgermeister Stosberg, die Stadtverordneten Franz Heinrich Müller und Hammacher. Seine Erben spendeten aus Anlass seines Ablebens aus seinem Nachlass 7.000 Mark der Stadt Lennep für die arme Bevölkerung. Sein Porträt – ebenfalls eine Stiftung der Erben – hing lange Zeit im Lenneper Rathaus. Seine Vaterstadt Lennep, heute zu Remscheid gehörend, ehrte ihn dadurch, dass sie ihn zu ihrem ersten Ehrenbürger ernannte. Richard von Hardt starb am 29, September 1898 in Berlin.

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