Lenneps Eingemeindung 1929

08 August 2019 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

„Auf Grund des „Gesetzes über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes“, das am 1. August 1929 in Kraft trat, wurden die drei Städte Remscheid, Lennep und Lüttringhausen (ohne Beyenburg, das zu Barmen-Elberfeld bzw. Wuppertal kam) zu einer (neuen) kreisfreien Stadt mit dem Namen Remscheid vereinigt.“ So nachzulesen bei Wikipedia im Internet. In Remscheid und anderswo wird in diesen Tagen der Gebietsreform vor 90 Jahren gedacht, wobei, wie in den Jahrzehnten zuvor, nicht alle Bürger im heutigen Remscheid Jubelschreie ausstoßen, sondern die „Zwangsehe“ bis heute zum Teil beklagen.

Wie sah Lennep vor 90 Jahren aus, als es eingemeindet wurde. Noch im Dezember des Jahres 1928 gab der Landkreis Lennep eine Denkschrift heraus, deren Hauptteil aus zahlreichen Gutachten zur geplanten Kommunalen Neugliederung bestand. Ihr Titel lautete: „Der Landkreis Lennep und seine kommunale Neugliederung“. Dieser einschließlich der zahlreichen Karten und Pläne rund 200 Seiten umfassende Band setzte sozusagen die Landkreisschrift von 1925 („Der Landkreis Lennep und seine Gemeinden“, Dari -Verlag) unter dem Gesichtspunkt der aktuellen Geschehnisse fort, er hob selbstverständlich die positiven Seiten der bisher bestehenden Verhältnisse hervor und formulierte am Ende des einleitenden Vorworts: „Wir übergeben dieses Buch der Öffentlichkeit zur Klarstellung und zur Begründung für die Notwendigkeit entschlossener Zurückweisung ungerechtfertigter Remscheider und Barmer Forderungen, deren Erfüllung eine Schädigung des öffentlichen Wohls bedeuten würde. Lennep im Dezember 1928.“  Das Werk wurde vom Kreisausschuss sowie den Bürgermeistern des Kreises Lennep gezeichnet.

Abb. 1 Abb. 2
Die Denkschrift zur Kommunalen Neugliederung im Dezember 1928 setzte die Selbstdarstellung des Landkreises Lennep aus dem Jahre 1925 fort. Bildvorlagen Lenneparchiv Schmidt.

Die kommunale Neugliederung von 1929, den Lennepern und Lüttringhausern eher als „Eingemeindung“ im Kopf, beendete die kommunale Selbständigkeit und historische Bedeutung, auf die man u.a. in Lennep besonders stolz war. Nicht zuletzt deshalb präsentierten die von der künftigen Unselbständigkeit bedrohten Städte des Kreises Lennep am Ende ihrer Denkschrift ihre Habenseite, die wir nachfolgend für Lennep hiermit wiedergeben:

„Die Kreisstadt Lennep mit einem Gebietsumfang von 1797 Hektar (ha) hatte im Oktober 1928 eine Einwohnerzahl von 14.845. Die Stadtrechte wurden vor 700 Jahren verliehen. Das Vermögen einschließlich Liegenschaften betrug am 1. April 1928 8.193.497 Reichsmark (RM), dagegen die Schulden 3.330. 903 RM.

An kommunalen Einrichtungen sind erwähnenswert: Vier ausgebaute Volksschulsysteme, davon drei für evangelische und eins für katholische Kinder, ferner zwei evangelische Landschulen und eine paritätische zweiklassige Hilfsschule, ein städtisches Realgymnasium mit Realschule mit ungefähr 350 Schülern, von denen 51 Prozent aus der Stadt Lennep, 21 Prozent aus Lüttringhausen, 23 Prozent aus anderen Kreisgemeinden und fünf Prozent aus Remscheid stammen, ein städtisches Lyzeum mit ungefähr 185 Schülerinnen, von denen 61 Prozent aus der Stadt Lennep,19 Prozent aus Lüttringhausen, acht Prozent aus den anderen Kreisgemeinden und 10,5 Prozent aus Remscheid stammen; städtische Berufsschulen für die männliche und weibliche Jugend mit 32 Fachklassen, eine Volkshochschule, eine Stadtbücherei mit Lesehalle, ferner eine städtische Sparkasse, einen Schlachthof, ein Hallenschwimmbad und eine offene Badeanstalt, Brausebadeeinrichtungen in Schulen, eine Trinkwassertalsperre, ein Wasserwerk, vollausgebaute Schwemmkanalisation, Müllabfuhr, Fuhrpark, Gaswerk, Gasglühlicht- und elektrische Straßenbeleuchtung, ein neuerbautes Feuerwehrdepot, eine neu errichtete Sanitätswache und ein Altenheim, weiterhin ein sehr gut gelegenes Stadion und mehrere Sportplätze, Turnhallen an den Schulen, die auch den Vereinen zur Verfügung stehen,  Jugendherberge, Stadtwald und Stadtgarten, gärtnerische Anlagen und nicht zuletzt ein vor mehreren Jahren angelegtes Industriegleis. An privaten Einrichtungen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, sind vorhanden: Volksküche, Säuglings- und Kinderheim, zwei Kindergärten, Kinder- Sol- und Luftbad, modern eingerichtete Krankenanstalten, Waisenhaus und Milchkolonie.

Abb. 3 Abb. 4
Die erstarkende Industrie der Kreisstadt Lennep führte bereits im 19. Jahrhundert zu zahlreichen Errungenschaften und schuf ein besonders ansprechendes Stadtbild.

Die heimische Industrie zeigt eine glückliche Mischung. Am 15. April 1928 waren beschäftigt:

187 Arbeitnehmer in der Industrie für Teile zu landwirtschaftlichen Maschinen 3,81 Prozent

314 in der Werkzeugindustrie = 6,41 Prozent

69 in Eisengießereien = 1,40 Prozent

1329 in der Textil –Maschinenindustrie = 27,11 Prozent

88 in der übrigen Eisenindustrie (Kleineisen und Drahtwaren) = 1,80 Prozent

1744 in der Textilindustrie = 35,58 Prozent

89 in der Holzindustrie = 1,82 Prozent

120 in der Papierindustrie = 2,45 Prozent

962 in allen anderen Industrien und Gewerben (einschl. Handwerk)  = 19,62 Prozent

( 4902 Arbeitnehmer = insgesamt 100 Prozent)

In Lennep sind 2 bedeutende Großbetriebe ansässig, und zwar eine Textilmaschinenfabrik mit 1093 Arbeitnehmern und eine Kammgarnspinnerei mit 1254 Arbeitnehmern. Lennep ist auch Verwaltungssitz dreier großer Tuchfabriken in Dahlhausen, Dahlerau und Vogelsmühle. An Großhandlungen sind vertreten: Neun Tuchgroßhandlungen, eine Kolonialwarengroßhandlung, eine Rauchwaren-, Wein- und Likörgroßhandlung, eine Gummiwaren-Großhandlung.

Landwirtschaft: 95 Betriebe mit einer Größe bis zu 30 ha, ein Gut mit 45 ha und ein Forstgut mit 128 ha. Hauptsächlich wird Abmelkwirtschaft betrieben.

Die (damals) in Lennep vertretenen Behörden:

Reich: Finanzamt, Reichsbanknebenstelle, Postamt I., Reichsbahn: Eisenbahnbetriebsamt,

*auch für das Gebiet des Stadtkreises Remscheid zuständig.

Staat: Landratsamt, Schulrat, Kreiskasse*, Katasteramt, Gewerbeaufsichtsamt*, Bezirkszollinspektion*, Kreisveterinärrat*, Kreismedizinalrat, Amtsgericht, Arbeitsgericht mit Kammer für Arbeiter und Angestellte.

Sonstige:

Forstamt der Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz*.

Niederlassungen Deutscher Großbanken.

Handwerksamt und Kleinhandelsverband für den Kreis Lennep.

Verkehrsverhältnisse: Eisenbahnknotenpunkt, Ausgangsbahnhof für fünf Eisenbahnlinien, Mittelpunkt des Autobusverkehrs im Bergischen Lande mit Umsteigemöglichkeit von folgenden Linien: Lennep — Lüttringhausen —Barmen, Lennep — Wipperfürth, Lennep — Ronsdorf — Elberfeld, Lennep — Radevormwald, Lennep—Remscheid.

Schnittpunkt bedeutender Durchgangsstraßen, elektrische Straßenbahn nach Remscheid, geeignetes, von der Lufthansa als „gut“ bezeichnetes Gelände zur Anlage eines Flugplatzes.“

Abb. 5 Abb. 6
Auch nach Lenneps Eingemeindung nach Remscheid im Jahre 1929 und der Einbindung in das neue Großstadtensemble blieb Lennep eine Perle des Bergischen Landes.

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