Familie Landsberg in Lennep

14 September 2010 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

Liebe Freunde des Bergischen Landes, bei den folgenden Bemerkungen über die Familie Landsberg in Lennep handelt es sich wie meist bei meinen Beiträgen um eine kurz gehaltene Reminiszenz, die auch persönliche Erinnerungen verarbeitet, denn ich habe Mitglieder dieser Familie in meiner Jugendzeit selbst noch erlebt. Die Bedeutung des Lenneper Amtsrichters Julius Ferdinand Landsberg, von dessen Amtshandlungen ich in meinem Archiv noch so manche originale Niederschrift verwahre, war seinerzeit groß und reichte aufgrund seiner Schriften weit über die damalige Kreisstadt hinaus.

In einem Artikel des Lenneper Kreisblatts vom 23. April 1915 wurde anlässlich seines frühen Todes hervorgehoben, dass er sich wünschte, dass Lennep ihm und seiner Familie zur dauernden Heimat werde. Dass sich dieser Wunsch nicht erfüllte liegt auch an den Geschehnissen zwischen 1933 und 1945 in Deutschland. Der umfangreiche, mehrere Jahrhunderte umfassende Gesamtnachlass der Familie Landsberg hat mit Remscheid bzw. Lennep nur z.T. zu tun und wird heute im Ratinger Stadtarchiv verwahrt. Im Ratinger Forum, H. 7 aus dem Jahre 2001 findet man auf den Seiten 278-325 die bisher umfassendste Information zur Geschichte der Familie und ihres Nachlasses. Im Historischen Zentrum der Stadt Remscheid befinden sich ebenfalls Nachlassmaterialien zur Familie.

Julius-Landsberg-Straße und Rotdornallee

Wenn man in Remscheid-Lennep von der Innenstadt her zur Panzertalsperre läuft, so geht man zumeist den Talsperrenweg hinauf, und jenseits des höchsten Punktes geht links eine Straße mit der Bezeichnung Julius-Landsberg-Straße ab. Benannt ist die Straße nach einer wirklichen, d.h. manchmal auch streitbaren Persönlichkeit, die mit ihrer Familie zunächst in der Kölner bzw. Hermannstraße wohnte, um das endgültige Heim in der Mittelstraße, heute Rotdornallee, Nr. 24 zu finden. In der Mittelstraße wohnten zu dieser Zeit überwiegend Fabrikanten und deren Direktoren sowie Leute des Öffentlichen Lebens, die sich wie der Amtsrichter Landsberg eine Etage oder ein ganzes Haus im gehobenen Stil leisten konnten. Julius Landsberg hatte beispielsweise sein Haus von dem Lenneper Kreissekretär Provinski übernommen, der auch die zweite Einheit des großzügigen Doppelhauses besaß und an einen Rittmeister vermietet hatte. Zahlreiche Bildpostkarten der damaligen Mittelstraße, z.T. mit Fernblick auf das Lenneper Freibad an der Udelschen Beek, sind erhalten, und die Fotos der seinerzeit dort Wohnenden bezeugen, dass man in dieser Straße in gutbürgerlichen Verhältnissen lebte. In den Aufzeichnungen des Lenneper Baumeisters Albert Schmidt kann man nachlesen, wie die Rotdornallee Mitte der 1890er Jahre nach und nach entstand, oft mit der Finanzierung der Hardts und der Ausführung durch sein Baugeschäft.

Persönliche Erinnerungen

Der Lenneper Amtsrichter Julius Landsberg ist heute vergessen, aber die Älteren unter uns haben vielleicht noch seine Kinder gekannt, zumindest die, die noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg in dem genannten Haus an der Rotdornallee wohnten. Die Familie lebte über 90 Jahre dort. Auch ich selber habe da noch Erinnerungen. Zum einen brachte ich in den Jahren um 1966 in der Rotdornallee als Röntgenschüler in den Ferien die Post ins Haus. Ich ging damals die Wupperstraße entlang über den untersten Teil der Leverkuser Straße auf das Grundstück von Frau Berchtenbreiter, einer Angehörigen der Familie Hardt. Damals war das gesamte Areal zwischen der Rospattstraße, Leverkuserstraße und Rotdornallee ein ziemlich verwilderter Park, heute befindet sich dort die gehobene Wohnanlage Am Hardtpark, in der noch ein historisches Gartenhaus einer ehemals an der Rotdornallee gelegenen Hardtvilla auf deren Gründerzeit hinweist. Wenn ich die Post in der Leverkuser Straße 4a abgeliefert hatte, suchte ich mir meinen Weg zur Rotdornallee hinauf, und zwar durch einen alten, defekten Zaun direkt zur Nr. 24, wo ich die Briefe für Landsberg manchmal auch durchs Fenster reichte. Eine andere Erinnerung an die Familie Landsberg hat mit meiner beruflichen Entwicklung zu tun. Ich trug mich nämlich schon früh mit dem Gedanken, Wissenschaftlicher Bibliothekar zu werden. Nicht nur durch den Mann meiner ältesten Cousine, der seinerzeit Leiter der Remscheider Stadtbücherei war, sondern eben auch durch die Bekanntheit der in der Rotdornallee wohnenden Bibliotheksrätin Frau Dr. Erika Landsberg kamen meine Eltern auf die Idee, mich von dieser Dame einmal im voraus über den Beruf informieren zu lassen, wozu es allerdings nie gekommen ist. Aber ich sehe sie noch vor mir, und ebenso ihren Bruder Reinhart, von dem man sagte, dass er seit der Geburt trotz hoher Intelligenz nicht wirklich „lebenstüchtig“ war. Er galt sein Leben lang als Sonderling. Er ist wie seine Eltern und seine Geschwister auf dem Lenneper Friedhof begraben, und von der Begräbnisstätte der eigenen Familie herkommend fällt mein Blick auf ihren Grabstein.

Amtsrichter Julius Ferdinand Landsberg (1868-1915)

      

 
Der Lenneper Gerichtsassessor und spätere Dienstaufsichtsführende Amtsrichter (Amtsgerichtsrat) Julius Ferdinand Landsberg (1868-1915) stammte von jüdischen Vorfahren in Rheinhessen ab, mehrere waren Rabbiner, jedoch waren er und seine Eltern bereits um1885 aus Überzeugung zum evangelischen Glauben übergetreten. Julius Landsberg definierte sich selbst als evangelisch und preußisch. In Lennep gehörte er dem Presbyterium der evang. Kirchengemeinde an. Seine ebenfalls evangelische Frau Marie Wilhelmine, geb. Hoff (Heirat 1902) entstammte einer großbürgerlichen Familie, die im Elsass u.a. mit Albert Schweitzer und der Familie Heuss-Knapp verbunden war. Marie Landsberg lebte bis zu ihrem Tod 1959 mit ihren Kindern Erika und Reinhart in der Lenneper Rotdornallee 24 und überlebte ihren Mann um 44 Jahre. Sie schrieb ausführlich Tagebuch, u.a. über die Bombentreffer am 10.03.1945 vor dem damals an mehrere Parteien vermieteten Haus und im Garten. In der Rotdornallee reihte sich damals Bombenkrater an Bombenkrater, und das Gebäude der NS-Frauenschaft, die ehemalige Villa Hermann Hardt jun, brannte lichterloh. Julius Landsberg veröffentlichte zahlreiche Schriften, die über seine direkte juristische Zuständigkeit weit hinausgehen. Sie beschäftigen sich auch mit Jugendkriminalität, Bettelei, Landstreicherei und Armenpflege. Sie versuchten, die juristische Argumentation von der eigentlichen sozialen Wurzel her zu fassen, wirken von daher auch heute noch modern und sind über das Internet heute so gut wie alle wieder erhältlich. Von 1901 bis zu seinem unerwarteten plötzlichen Tod im Jahre 1915 war Landsberg Amtsrichter in Lennep. Zu Recht hieß es damals im Lenneper Kreisblatt: „Was er geleistet hat, sichert ihm in der Geschichte der gesamten Jugendfürsorge einen dauernden Platz“.

Die Landsberg-Kinder

Es ist in dieser kurzen Reminiszenz nicht möglich, den Lebensweg aller Mitglieder der Familie gleich ausführlich zu behandeln. Als Tochter Erika Landsberg 1995 starb, ging der umfangreiche Familiennachlass, dessen früheste Zeugnisse aus dem Jahre1733 stammen, über Umwege an das Stadtarchiv Ratingen, dessen Leiterin sich sehr bald und mit Erfolg bemühte, hier eine qualifizierte Übersicht zu schaffen. Im Ratinger Forum aus dem Jahre 2001 legte Frau Dr. Erika Münster-Schröer dazu eine Zusammenfassung vor, und Bastian Fleermann M.A. zeichnete in umfassender Weise den Weg des ältesten Landsbergssohns Ernst Adolf in die Emigration nach. In diesem Zusammenhang werden auch die Lebenswege der Geschwister Erika (1904-1995), Margret, später verh. Lupton (1909-2005) und Reinhart Landsberg (1911-1994) angesprochen. Alle Kinder des Amtsrichters waren danach intellektuell und musisch hochbegabt, sie gingen in Lennep zur Schule, alle absolvierten ein akademisches Studium, alle hatten in der Zeit zwischen 1933 und 1945 darunter zu leiden, dass sie laut Ahnenpass als Mischlinge zweiten Grades galten. Ernst und Margret emigrierten, Ernst u.a., weil er seit 1930 mit einer Jüdin verheiratet war, Margret, weil sie nach 1935 aus rassischen Gründen nicht mehr zur akademischen Prüfung zugelassen wurde. Beide kehrten nach dem 2. Weltkrieg trotz mehrerer Besuche nicht bleibend nach Deutschland zurück. Auch Reinhart konnte wegen der Rassegesetze vom September 1935 sein Theologiestudium trotz bestandener Vorprüfungen nicht abschließen. Zeitweilig hielt er sich unerkannt in Ostpreußen auf. Er war später ein großer Sammler und Mitglied in mehreren evangelischen und sonstigen Vereinigungen. U.a. schloss er sich den Verfolgten des Naziregimes an.

Ernst (Adolf) Landsberg (1903-1976)

Ernst Landsberg wurde als ältestes Kind des Ehepaars Landsberg-Hoff 1903 in Lennep geboren. Er wurde zunächst privat unterrichtet (bis 1912). Später besuchte er das neu erbaute Lenneper Röntgengymnasium. Es existiert noch ein Foto, das ihn 1917 mit Schulkameraden beim Einsammeln von Laub zeigt, aus dem im Krieg Tierersatzfutter gewonnen werden sollte. Privat brachte er sich orientalische Sprachen bei, darunter Türkisch, Arabisch und Persisch, und er entwickelte ein ausgesprochenes Interesse auch für die Mathematik und Naturwissenschaften, speziell auch für die Einsteinsche Theorie. 1925 wurde Ernst Landsberg in Frankfurt am Main im Bereich Volkswirtschaft mit einer Arbeit über „Die finanzielle Konzentration der deutschen Textilindustrie in der Nachkriegszeit“ promoviert und arbeitete bis 1933 als Fachredakteur beim Berliner Tageblatt. Da seine Frau Jüdin war, ging das Ehepaar 1934 nach Südafrika und ließ sich in Kapstadt nieder. Hier arbeite Ernst Landsberg ebenfalls sehr erfolgreich als Redakteur, Korrespondent und Herausgeber und war Mitglied mehrerer gesellschaftlich-politischer Bewegungen. Daneben setzte er seine Sprachstudien fort und interessierte sich immer mehr für die unterschiedlichsten Geheimlehren der Antike und der außereuropäischen Welt. Er übersetzte zahlreiche Texte aus dem Hebräischen und Sanskrit ins Deutsche und fertigte spezielle Wörterbücher an. In fortgeschrittenem Alter wurde er Buddhist und Vorsitzender der Tibetischen Buddhistengruppe in Kapstadt. Sein spezieller Nachlass wird in der dortigen Universitätsbibliothek verwahrt. Die Anlage des Nachlasses geht auch auf die Mithilfe seiner Schwester Erika zurück.

 

Erika Landsberg (1904-1995)

    

So mancher Lenneper erinnert sich vielleicht auch noch an Dr. Erika Landsberg, obwohl sie beruflich nach dem zweiten Weltkrieg in Köln wirkte. Wie bei ihren Geschwistern war ihr Werdegang durch den Umstand erschwert, dass sie in der Zeit des Nationalsozialismus als sog. Mischling nur geduldet wurde. Man konnte damals auch nie wissen, ob die damit verbundene Lage sich nicht auch lebensgefährlich verschlechtern würde. Erika Landsberg wurde am 10.10.1904 in Lennep geboren. Nach dem Besuch des Lyzeums und dem Abitur 1923 arbeitete sie zunächst als Angestellte einer Wohnbaugesellschaft und machte in den beiden nächsten Jahren ein Praktikum an der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek. Danach studierte sie in Köln und Berlin Deutsche Philologie, Philosophie und Musikwissenschaft. Das Examen erfolgte 1930 in Berlin und die Promotion 1934 bei Ernst Bertram in Köln. Von Oktober 1934 bis Juni 1939 hielt sie sich vorsichtigerweise als Volontärin an den Öffentlichen Bibliotheken in Kopenhagen auf, arbeite bei einem dortigen Musikverlag, kehrte jedoch dann nach Remscheid-Lennep zurück. Sie wurde von 1940 bis März 1945 als Bibliothekarin in der Werksbücherei der Gutehoffnungshütte in Oberhausen beschäftigt. Von dort kam sie am 10.3.1945 abends mit dem Rad (74 Km) in die gerade ausgebombte Lenneper Rotdornallee. Ihr Arbeitsbuch aus dieser Zeit, die Reichskleiderkarte von 1944 und ihr Mitgliedsausweis der Bekennenden Gemeinde von 1935 werden im Historischen Zentrum der Stadt Remscheid verwahrt. 1946 wurde Erika Landsberg von der Stadt Köln mit der Errichtung der Westdeutschen Büchereischule betraut. Mitte Dezember 1945 erhielt sie einen Brief, mit der Bitte, als neue Studienleiterin und Dozentin (z.B. für die Fächer Vergleichende Literaturwissenschaft und Weltliteratur) bereits bis zum 3.1. des neuen Jahres einen Studienplan für die gesamte Büchereischule aufzustellen. Zunächst Bibliotheksrätin, wurde sie im Jahre 1967 noch zur Oberbibliotheksrätin ernannt und wirkte bis zu ihrer Pensionierung 1970 als Stellvertreterin des Direktors. 1975 formulierte sie Erinnerungen an das Ende der Kriegszeit für ein Lenneper Buchprojekt. Als Zeitzeugin nahm sie auch an verschiedenen Projekten des NS-Dokumentationszentrums in Köln teil. Sie lebte zuletzt an Parkinson erkrankt in einem Altersheim in Radevormwald und starb am 4.6.1995. Im Jahre 1978 schrieb sie an die Leiterin der Forschungsstelle Bibliographia Judaica in Frankfurt a.M.: „Wir „Mischlinge“ sehen uns als Erben der deutschen und jüdischen Tradition und der Synthese beider … Es bleibt die große Frage unserer Generation, wie viel Zeit uns noch bleibt, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich selber bin im „Ruhestand“ sehr beschäftigt, solange ich kann“.

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