Der Kristallpalast von Lennep

06 Juli 2011 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

Ich selbst wüsste nur zu gern, woher diese Bezeichnung im 19. Jahrhundert kam. Mit dem Londoner Crystal Palace zur Weltausstellung 1851 und dessen Nachahmungen in z.B. Leipzig und Dresden hatte er wohl nichts zu tun, zumal es sich hier nicht um ein Lenneper Schmuckstück, sondern um einen über viele Jahrzehnte zitierten Schandfleck handelte.

Gemeint war das Areal an der Nord-Westseite der Ecke Kölner und Bahnhofstraße in Lennep, wo sich im Jahre 1937 die Lenneper Ofen- und Herdhandlung Liesendahl ansiedelte, die sich vorher viele Jahre gegenüber dem Berliner Hof am Mollplatz bzw. an der Poststraße 1 befand. Das hier thematisierte uralte Gebäude des sogenannten Kristallpalastes war allerdings damals schon lange nicht mehr vorhanden, das Grundstück wurde durch einen wackeligen Bretterzaun begrenzt, an dem seit vielen Jahren Plakate angeklebt wurden, die durch den Regen aufgeweicht, ab einer gewissen Dicke der Papierschicht auf das Trottoir fielen, auf dem sich unverfüllt noch die Löcher eines früheren Eisenzauns befanden. Dieser verhinderte schon im frühen 19. Jahrhundert das Hineinfallen in eine Art Graben, der sich um die bebaute Fläche zog, an der Kölner Straße und um die Ecke die Bahnhofstraße hinauf. Tief neben der Straße liegende Häuser gab es seinerzeit in Lennep viele, ich selbst habe noch am Mollplatz hinter dem ehemaligen Kaiserdenkmal eines erlebt, man musste dort vom Thüringsberg her ein paar Stufen zur altbergischen Haustür hinuntersteigen.

Zurück zum Kristallpalast. Im Jahre 1936 thematisierte das Lenneper Kreisblatt die Bahnhofstraße unter „neuzeitlichem“, das hieß damals unter nationalsozialistischem Aspekt, weil man ein geplantes Bauvorhaben an der Ecke zur Kölner Straße als modern und zeitgemäß ankündigen wollte. Dementsprechend wurde die vorhandene Architektur der vergangenen Kaiserzeit negativ apostrophiert. Es hieß u.a.: „Die Bahnhofstraße als Eingangsstraße zur Stadt aber ist für Lennep nicht rühmlich. Wohl entstanden im Laufe der Jahre dort einige größere Bauten, im Allgemeinen ist aber auch heute noch das Aussehen dieser Straße für eine Stadt wie Lennep nicht gerade imponierend. Für die heutigen Verhältnisse dürfte das das Rathausgebäude kein Bau sein, der auf Schönheit Anspruch erheben kann“. Von der einstigen wilhelminischen Prachtstraße wollte man also seinerzeit nichts mehr wissen, das Vorzeigestück, gleich ausgehend vom Bahnhof, sollte jetzt in eine „moderne“ Geschäftsstraße mit reinen Zweckbauten verwandelt werden.

Allerdings war an der genannten Ecke der Bahnhofstraße zur Kölner Straße (damals Hermann-Göring-Straße) auch niemals ein wilhelminischer Prachtbau vorhanden, sondern der ehemalige Kristallpalast bzw. sein verkommenes Grundstück. Dieses beschrieb der Zeitungsschreiber 1936 ganz zu Recht als ein „besonderes Ärgernis“. War schon früher das auf diesem Grundstück stehende alte Gebäude ein beschämendes Bild für die Stadt, so sei nunmehr der mit den Plakaten beklebte Bretterzaun ein nicht minder hässlicher Anblick. Schon zur Zeit des 1. Weltkriegs hatte man hier Abhilfe schaffen wollen, jedoch dann musste aufgrund des sich zeitlich ausweitenden Krieges eine Neubebauung zunächst unterbleiben. Erst nach dem „Umbruch“ von 1933 und die dadurch bedingte Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung sollte nun ausgeschachtet werden und die Neubebauung erfolgen. Dies wurde dem Leser auch durch eine Skizze näher gebracht, die die zukünftige Bebauung der Bahnhofstraße erkennen ließ. Die Neubebauung schloss beispielsweise eine bis dahin noch vorhandene alte Gasse, und unten an der Ecke zur Kölner Straße sollte ein neuzeitlicher Geschäftsbau den Raum bis zur Glas-, Farben- und Tapetenhandlung von Daniel Witscher füllen. So geschah es denn auch, und die Zeitung konnte schon bald ein Bild des Eckneubaus liefern, dessen Aussehen trotz der Bombardierung der Neustadt im 2. Weltkrieg auch heute noch gut zu erkennen ist. Zum Eckbau hieß es: Adolf Liesendahl, vormals Gebrüder Bauerband, Lennep, ist umgezogen! Besuchen Sie das alte Fachgeschäft in seinen neuen Räumen. Urteilen Sie, ob es sich verbessert hat“. Ich jedem Falle waren die Geschäftsräume hier wesentlich größer, und die abgebildeten Ausstellungsherde, Waschmaschinen und inzwischen elektrisch betriebenen Wäschemangeln konnten besser präsentiert werden, als dies in dem alten Haus des Baumeisters Arthur Schmidt am Mollplatz möglich war, wo nach dem 2. Weltkrieg zuletzt noch die Wäscherei Hoffmann residierte. Fast 20 Lenneper Lieferanten und Handwerker präsentierten sich per Reklame als Mitwirkende an diesem Bauvorhaben, darunter der Malermeister Willi Schwalm, die Bau- und Möbelschreinerei Gebrüder Lahme und das Spezialgeschäft für Beschläge von Bernh. Steinrücke aus der Berliner Straße 5.

Der Neubau gab aber auch Gelegenheit, sich noch einmal auf die Vergangenheit des Areals zu besinnen und an den ehemaligen Kristallpalast darauf. Dieser wurde durch ein Archivfoto der Zeitung repräsentiert, u.U. das einzige, das von diesem uralten Bauwerk überhaupt noch existiert, zumindest soweit es das Objekt von der Kölner Straße her frontal und gänzlich zeigt. Denn zumeist zeigen die erhaltenen Lenneppostkarten es nur von Ferne, wegen seines Zustands wohl nicht ohne Grund, vor allem bei Fotografien die repräsentative Bahnhofstraße hinauf, mit dem Rathaus, dem Geschäftshaus von Hugo Heuck und dem Hotel Kaiserhof, erkennt man oft gerade noch das genannte Gitter über dem Hausgraben, auf das wir noch einmal zurückkommen werden. Vor der Errichtung des Hauses von Daniel Witscher links daneben an der Kölner Straße und des „Krugs zum grünen Kranze“ auf der anderen Seite der Bahnhofstraße gab es übrigens noch ein weiteres altes Haus, das wohl mit dem Kristallpalast sogar baulich verbunden war, sie sog. Villa Ottersbach mit Tuchfabrikation, Wäscherei und Färberei.

Um 1935 waren den alten Lennepern auch noch einige Erzählchen bekannt, bei denen der Kristallpalast und sein Hausgraben eine Rolle spielen. So soll es oft vorgekommen sein, dass der Hausgraben als Übernachtungsstätte herhalten musste, eine Sitte, wie es in der Zeitung hieß, die sich übrigens bis in die (damalige) Gegenwart erhalten habe, müde Wanderer und Wohnsitzlose nutzten den Graben im Sommer als Schlafstätte, statt die Herberge zur Heimat im ältesten Haus der Gartenstraße aufzusuchen, und so mancher Remscheider oder Wermelskirchener, der nachts die „Kurve nicht bekam“ oder den „falschen Tritt“ hatte, verzog sich dorthin, wo man von der Straße nicht gleich gesehen wurde. Ein ganz ordentlicher Gastschläfer soll jedoch einmal am Geländer sehr akkurat Jacke, Kragen, Hemd und Schuhe samt Spazierstock fein säuberlich aufgereiht haben, zu Freude der vorüber gehenden Passanten. Es fehlte nur noch, so hieß es, dass ein Hausbursche die Stiefel wichste und den Hotelgast weckte.

Als nun der Kristallpalast neuerer Bauvorhaben wegen dem Erdboden gleich gemacht wurde, verloren nicht nur die menschlichen Bewohner ihr Heim, sondern auch die Ratten, auf die man alsbald im gesamten Areal Jagd machte. Die Eigentümer, im damaligen Adressbuch der Stadt Lennep noch nachweisbar, erhielten beim Verkauf, wie dies damals nicht unüblich war, blanke Goldstücke in die Hand, die allerdings in der Inflationszeit schnell ihren Wert verloren. Das Areal verkam zu einer Schuttablagestelle, bis die oben geschilderte Neubebauung begann. Nicht nur wegen der Optik war man seinerzeit stolz auf die Neubebauung, sondern auch wegen der Luftschutzkeller, denn damit kam man in Lennep schon frühzeitig in den 1930er Jahren einer neuen Verordnung der Polizei und des Luftschutzbundes nach.

Nicht geklärt ist nach wie vor die Bezeichnung Kristallpalast. Sie hätte ja eher zu den späteren großen Schaufensterflächen des Neubaus aus den 1930er Jahren gepasst. Schon die historischen Zeitungsberichte konnten das Rätsel nicht lösen, und auch ausgewiesene Lennepkenner wussten mir gegenüber keinen Rat. Dass es hier auch einmal eine Koch- oder Haushaltsschule für junge Mädchen gab, erklärt das Wort Kristall sicher nicht, und von einem Palast konnte sowieso keine Rede sein. Auch das ehemals ganz in der Nähe befindliche dritte Lenneper Kino gibt bezüglich des Namens hier nichts her. Vielleicht war es ja nur so, dass der Name beim Einwerfen der Fensterscheiben entstand, als das ursprüngliche Haus endgültig verkam. So war es nämlich auch bei dem bereits zitierten Haus am Thüringsberg zuletzt vor dem Abriss. Wer als Schulbub etwas auf sich hielt, betätigte sich hier einschlägig, oder besser gesagt einwerfend, bis schließlich keine Scheibe mehr heil war. Aber vielleicht wissen Sie ja, wie der Name zustande kam? Ich würde mich mit einem meiner Lennepbücher erkenntlich zeigen.

Comments are closed.