Der Falschmünzer zu Lennep

16 März 2021 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

Liebe Lennepfreunde, neulich fand ich in meinem Archiv bei den Zeitungskopien einer Serie „Aus dem Alten Lennep“, die in den Jahren 1922/23 im Lenneper Kreisblatt veröffentlicht worden ist, einen volkstümlichen Text von Otto Seufzer Senior. Altvordere bekannte Lenneper berichteten damals aus ihrer Jugend und den vergangenen guten und schlechten Zeiten, ein Beitrag darunter wurde dabei auch in früherer Lenneper Sprechweise veröffentlicht, und zwar von einem gewissen O. Heppenberger, der eine vorgeblich wahre Geschichte zum Besten gab. Es braucht schon ein wenig Lennepkenntnis, um gleich beim Lesen des Autorennamens an dessen Echtheit zu zweifeln. Da der wirkliche Autor aber sowieso öfters in der genannten Serie schrieb und für seine Erinnerungen aus dem alten Lennep über Jahrzehnte bekannt war, so können wir ihm hier auch gleich die nicht wirklich ernst gemeinte Maske entreißen. Natürlich war der Herr O. Heppenberger der Lenneper Bäckermeister Otto Seufzer sen., der ja auch am sog. Lenneper Hippenberg residierte, nämlich der Erhebung im Bereich des Lenneper Kraspütts. Die Namensgebung hängt wohl damit zusammen, dass dort vor langer Zeit tatsächlich einmal die Lenneper Ziegen weideten, bevor das Areal schließlich so dicht besiedelt wurde wie wir es aus den Erzählungen über den Lenneper Stadtbrand 1746 und bis heute kennen. In einem der oben erwähnten Zeitungsartikel schrieb Otto Seufzer übrigens einmal, dass auch er sich nicht damit anfreunden könne, dass unsere alte Heimatstadt, die zweitälteste im Bergischen Land, 1929 ein „Stadtteil von Groß-Remscheid“ geworden sei. „Ja, Ja“ schrieb er damals, „freie Republik und Selbstbestimmung? – „Dat eck nech lach!“

Abb. 1 Abb. 2
Otto Seufzer sen., Bäckermeister im Lenneper Kraspütt, war ein großer Heimatfreund und schrieb über Jahrzehnte historische Beiträge und Erzählchen im Lenneper Kreisblatt. Unsere heutige Geschichte erschien im Zusammenhang einer Serie dieser Zeitung im Jahre 1923. An der Serie beteiligen sich noch mehrere andere geschichtsbewusste Honoratioren, u.a. der Oberlehrer Prof. Hermann und der Lenneper Baurat Albert Schmidt.

Otto Seufzers angekündigte „wahre Geschichte“ wollen wir Ihnen auch hier nicht vorenthalten. Sie trägt die Überschrift „Dä Falschmönzer“. Dem originalen Text in Lenneper Platt habe ich zur Sicherheit als Anhang auch eine hochdeutsche Übersetzung beigegeben, die sich eher ungeglättet an die Vorlage hält. Nur ganz wenige Ausdrücke werden hier vor dem Übersetzungsteil noch separat erklärt, weil sie für unsere heutigen Verhältnisse doch zu ungewöhnlich erscheinen. Auch die historischen Schriftsetzer scheinen sich schon damals in den 1920er Jahren mit dem Text etwas schwer getan zu haben, eine Menge augenscheinlicher Fehler wurden von mir beseitigt, wahrscheinlich nicht einmal alle. Aber das macht auch nichts, denn der Text wurde sowieso nach dem Gehör und den individuellen sprachlichen Umsetzungsmöglichkeiten des Autors wiedergegeben. Nun also viel Vergnügen mit dem vorgeblich wahren Lenneper Vertällchen des Otto Seufzers sen.:

Dä Falschmönzer.

En fräuheren Johren lewte en der Stadt än Brezzelnbäcker, dä aller Streke voll wor; wenn hei eenen anschmeeren konn, dann hatt hei den größten Spaß. Eenes goden Dags bracht em en Bur ut dem Rattenberg en Kar Mietenholt. „Schmitten Se dat Holt oppen Hoff und dann kommen Se renn on nemmen Se sek dat Geld met“, sag dei Brezzelnbäcker. Nu hatte hei kott vörher en Reih neuer Dalersch engenommen. Alles neue, blanke, hatte Berliner Dalersch, wie man se jetz nech mehr te seihen kritt. Van denn noehm hei 8 Stöck vann, lagte die vurn in den Backoven on makte se ontlech heet. As dei Bur nu afgeladen hatte on renn koem, noehm dei Brezzelnbäcker  dat  Schüppbrettschen on lag de gläunigen Dalersch op den Desch. Wie nun de Bur dän irschten Daler anpackte, verbrannte hei sek ontlech de Fenger, so dat hei mit den Poten schlickerte wie ne Katte, die en än Paul Water geträn es. „O“, sät de Berzzelnbäcker bedurend, trotzdem hei sek ennerlich schockelte vor Lachen, „hant Se sek verbrannt? Ek heff se grad fresch gemakt. Sät äwer keenem Menschen wat dovan „ Dä Bur kiek dat Geld an, hei kiek den Brezzelnbäcker an, dann trock hei en Schamosenbül  ut de Täsche on schrappte die Dalersch met dei Kamisolsmauen en den Bül on trock af. As hei nu an de decke Pompe  an de Wietschaft vom decken W. ankoem, heil hei enn, gong renn on dronk sek än Broeselmanns (Fengersch gev et do noch nech). Währenddem vertaal hei dem Wiet dat Stöck on wat de Brezzelnbäcker gesaggt hatte. De Wiet, dei den Brezzelnbäcker dörch on dörch kannte on sek alt tereck dachte, dat dei Bur opp sonn Stöcksken van dem Brezzelnbäcker woer rengefallen, makt den Bur ontlech bang on sät, dei könn allerhand Konststöcke. „Wenn dat su es“, sät de Bur, „dann well ek äwer machen, dat ek de Dalersch flugs quitt werd“ un fuhr die Kölnerporte ropp. Nu hatte äwer en de Wietschaft noch en angern Gast geseeten, dä sek dat Gekäll angehort hat, äwer kein Wurd gesagt. Na acht bis veirtien Dagen  kritt die Brezzelnbäcker en Vorladung no Elberfeld wegen Verdach der Falschmönzerei. Wie hei nun nach Elberfeld koem on däm Rechter dat Stöck vertaal, wat hei met dem Bur gemakt hatte, on em ok en paar van den falschen Dalersch zeigte, do hatte dei gelacht on em gesagt, hei söll rauhig no heem goen.

Schüppbrett(s)chen – Werkzeug zum Aufnehmen und Fortschaffen von Lockermaterialien.
Schamosenbül  – Karierter oder gestreifter Baumwollbeutel (von chamois.)
Kamisolsmauen – Ärmel eines Kamisols (westenartiges längeres Männerbekleidungstück).
schlickern – (sich) schütteln, schlittern
Broeselmanns (Braselmanns), Fengersch (Fingers) damalige Lenneper Schnäpse.

Abb. 3 Abb. 4
Lennep um die vorletzte Jahrhundertwende. Auf den beiden Fotos sehen wir Alt-Lennep mit der Wetterauerstraße samt dem historischen Fachwerkgebäude der “Schmerigen Pann”, einer heute nicht mehr existenten Wirtschaft, vorne links. Rechts das Kölner Tor, das damals noch mit einer bepflanzten Rabatte vom Bismarckplatz zur “Cölner Straße” hin abfiel. Die historischen Wirtschaften dort sind Teil der Erzählung. 

Und hier die Übertragung in die heutige Sprechweise:

Der Falschmünzer. Eine wahre Geschichte erzählt von O. Heppenberger, d.i. bzw. war Otto Seufzer sen. aus Lennep

In früheren Jahren lebte in der Stadt ein Brezelbäcker, der aller Streiche voll war; wenn er einen anschmieren konnte, dann hatte er den größten Spaß. Eines guten Tags brachte ihm ein Bauer aus dem Rattenberg eine Karre Mietenholz. „Schmeißen Sie das Holz auf den Hof und dann kommen Sie rein und nehmen Sie sich das Geld mit“ sagte der Brezelbäcker. Nun hatte er kurz vorher eine Reihe neuer Taler eingenommen. Alles neue, blanke harte Berliner Taler, wie man sie jetzt nicht mehr zu sehen kriegt. Von denen nahm er acht Stück, legte sie vorne in den Backofen und machte sie ordentlich heiß. Als der Bauer nun abgeladen hatte und rein kam, nahm der Brezelbäcker das Schüppbrettchen und legte die glühenden Taler auf den Tisch. Wie nun der Bauer den ersten Taler anpackte, verbrannte er sich ordentlich die Finger, so dass er mit den Pfoten schlickerte wie eine Katze, die ins Wasser getränkt wurde. „O“, sagt der Brezelbäcker bedauernd, trotzdem er sich innerlich schüttelte vor Lachen, „Haben Sie sich verbrannt? Ich habe sie grad gemacht. Sagen Sie aber keinem Menschen was davon.“ Der Bauer guckt das Geld an, er guckt den Brezelbäcker an, dann zieht er einen Schamosenbühl aus der Tasche und schrappte die Taler mit den Kamisolsmauen in den Beutel und zog ab.  Als er nun an der dicken Pumpe an der Wirtschaft vom dicken W. ankam, hielt er inne, ging er rein und trank sich einen Broeselmanns (Fengersch gab es da noch nicht). Währenddem erzählte er dem Wirt das Stück und was der Brezelbäcker gesagt hatte. Der Wirt, der den Brezelbäcker durch und durch kannte, und sich alles zurecht dachte, dass der Bauer auf so ein Stückchen von dem Brezelbäcker reingefallen war, macht den Bauer ordentlich bang und sagt, der kann allerhand Kunststücke. „Wenn das so ist“, sagt der Bauer, „dann will ich aber machen, dass ich die Taler flugs quitt werde“ und fuhr die Kölnerporte rauf. Nun hatte aber in der Wirtschaft noch ein anderer Gast gesessen, der sich das Gespräch angehört hatte, aber kein Wort sagte. Nach acht bis vierzehn Tagen kriegt der Brezelbäcker eine Vorladung nach Elberfeld wegen Verdachts der Falschmünzerei. Wie er nun nach Elberfeld kommt und dem Richter das Stück erzählt, was er mit dem Bauer gemacht hatte, und ihm auch ein paar von den falschen Talern zeigte, da hatte der Richter gelacht und ihm gesagt, er sollte ruhig nach Hause gehen.

Abb. 5 Abb. 6
Von der Vereinigung der Wetterauer und der Kölner Straße zieht sich über das Kölner Tor die uralte Kölner Straße den Berg hinauf bis zur sog Trecknase. Die dicke Pumpe auf dem linken Bild vor der dortigen Litfaßsäule kommt in vielen Lenneper Erzählchen vor, ebenso die zahllosen historischen Wirtschaften an der ehemals so wichtigen Verbindung nach Köln bzw. Dortmund.

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