Ausklappbar mit Jux und Mondschein

29 März 2013 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

Sonderformen von Ansichtskarten im alten Lennep

Zu Ostern 2013 suchte ich in meinem Archiv nach spezifischen Unterlagen, vorzugsweise natürlich nach Lennep-Postkarten mit einem speziellen und schönen Ostermotiv. Solche scheinen allerdings rar zu sein, im Vergleich zumindest mit denen, die man früher zu Weihnachten und Neujahr versendete, und die ich in meinen Lennepaufsätzen schon mehrere Male verwendet habe.

Obwohl ich beim Blick in meine Postkartenbestände nichts vorzeigbar Österliches fand, was nicht schon veröffentlicht wäre, machte ich doch eine Entdeckung. Mir fiel nämlich auf, dass bei der Thematisierung Lenneper Postkarten in den letzten Jahren überwiegend Bildmotive von Häusern, Denkmälern, Kirchen und Schulen im Vordergrund standen. Der Grund dafür liegt sicherlich im konkret stadthistorischen Interesse, man will sehen, wie es früher in Lennep ausgesehen hat, und ich selbst benutze ja derartige Bilder gerne für meine Stadtführungen und Vorträge. Viele Veränderungen in Lennep sieht man dann deutlich, sie sprechen für sich im direkten Vergleich der jetzigen Wirklichkeit mit den Straßenzügen auf den alten Fotos.

Ohne hier in die eigentliche Post- oder Ansichtskartentheorie zu gehen, für die es sicherlich besser ausgewiesene Spezialisten gibt, kann man jedoch die Ansichtskarten auch unter anderen Aspekten sehen, z.B. unter dem Gesichtspunkt ihres Alters, ihrer Drucktechnik, ihrer Herkunft, ihres Verlags und ihrer Druckerei, ihres Anlasses bzw. Zwecks. Das alles natürlich nur zum Beispiel. Auch Firmen und Privatpersonen können ja für ihre Zwecke Ansichtskarten drucken, sie haben das im alten Lennep auch getan und tun dies mit modernen Mitteln heute noch.

Neben den rein gebäudebezogenen Karten und den typischen Glückwunschkarten zum Geburtstag und den hauptsächlichen Festtagen enthalten auch die Lenneper Postkartensammlungen viel Unterschiedliches, z.B. Mehrbildkarten, Juxkarten, Ausklappkarten, Künstlerkarten, Liedkarten, Kleeblattkarten, Mondscheinkarten, Aurora- oder Morgenrötekarten, Prägekarten, Firmenkarten, Weltkriegskarten und dazugehörige Manöver- bzw. Musterungskarten. Eine Gesamtbeschreibung der Sammlung Lempe, die im Jahre 2012 von den Lenneper Altstadtfreunden dankenswerterweise von mir für das Remscheider Stadtarchiv erworben wurde, wird es später hier auf meiner jetzigen Webseite geben. Das wird noch viel Arbeit machen, weshalb hier nur vier Arten von Ansichtskarten präsentiert werden, nämlich die Juxkarten, Ausklappkarten, Kleeblattkarten und Mondscheinkarten. Für diese Bereiche werden zwei jeweils zwei Beispiele gegeben.

Juxkarten
Auf den sog. Juxkarten wird die Wirklichkeit humoristisch, satirisch oder karikierend dargestellt. Auf den Lenneprundgängen, die oft am Alten Markt beginnen, zeige ich den Teilnehmern in der Regel eine Postkarte, die um die vorletzte Jahrhundertwende entstand und aus damaliger Sicht die Örtlichkeit zeigt, so wie sie 100 Jahre später, also heute aussehen würde. Außer dem hier sehr gut erhaltenen Preußischen Rathaus mit Telegraphenanlage oben drauf sieht man viel Volks auf (seinerzeit) gängigen Fahrrädern, Droschken und sogar Straßenbahnen. Das eigentlich Zukunftsweisende besteht aber in einer Schwebebahn über dem Alten Markt, die gemäß ihrer Aufschrift die Linie Lennep-Berlin bedient. Ob mit oder ohne Zwischenhalt wird nicht gesagt. Weiterhin hievt eine Luftballon-Polizei gerade einen Lenneper Zeitgenossen, der vielleicht auf dem Altstadtfest einen zu viel getrunken hat, zur Ausnüchterung, und ein Liebespaar schwebt im Fallschirm mit der Aufschrift Rendez-Vous selig vor sich hin.

Neben den juxartigen Elementen sieht man allerdings auch viel wirklich Historisches auf dieser Farbansichtskarte, z.B. die Geschäfte Tuchversand Bruno Coen, Delikatess-, Obst- und Gemüsehandlung Johnen und im Hintergrund das spätere Geschäft von Euler, wo sich mein Großvater einmal eine Browningpistole kaufte, wobei ein Schuss losging und den Verkäufer ins Bein traf. Ja, Lenneper Geschichte und Lenneper Geschichten! Den Jüngeren wohl unbekannt ist das Haus zwischen dem im Krieg durch Bomben ausradierten Rathaus und dem Johnenschen Anwesen mit der heute im Prinzip noch so ausschauenden Balustrade. Das sog. Natermüllersche Haus, ursprünglich mit einer Tapeten-, Wachstuch- und Glashandlung, existierte noch bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die vorliegende Karte wurde am 03. 11. 1907 gestempelt und stammt aus dem Verlag der Wwe. Charlotte Kettling in Schalksmühle.

Eine weitere historische Juxkarte zeigt den Mollplatz, links mit dem vorderen Teil des noch in seiner ursprünglich umfassenden Form des Lenneper Kaiserdenkmals von 1889. Auf nach Lennep heißt es oben auf dieser ebenfalls kolorierten Ansichtskarte, daneben reiten mehrere Personen auf einer gerade geöffneten Champagnerflasche, eine davon auf dem gerade explodierten Korken und einem zischenden Glas in der Hand. Das Gesamtmotiv beruht auf einer Fotographie, auf der auch die Kinder der umliegenden Häuser wie damals üblich mit abgebildet sind. Mal abgesehen vom pittoresken Blick hinunter zur Stadtkirche hin zeigt diese Karte links vom Berliner Hof ein hervorragendes Beispiel bis heute erhaltener Lenneper Bautradition. Wie alle ursprünglichen Häuser am Mollplatz stammt es aus der Zeit zwischen 1820 und 1830 und gehörte einst der Fabrikantenfamilie Walter, deren Tuchfabrik auf der Knusthöhe 1854 durch einen Brand gänzlich zerstört wurde. Auch diese Juxkarte stammt aus dem Verlag Kettling, Schalksmühle i.W. und wurde am 25. 11. 1907 gestempelt.

Ausklappkarten
Bei dieser Variante der historischen Ansichtskarten war das Besondere, dass man Teile des Motivs nach außen aufklappen konnte. Heraus fiel dann ein Leporello, ein vielfach gefalteter Bildstreifen mit den sehenswerten Örtlichkeiten einer Stadt. Die farbigen Außenmotive dieser Karten waren oft unspezifisch, und eine Individualisierung fand erst durch einen zusätzlichen Aufdruck und beim Aufklappen statt. Oben war ein Reisemotiv abgebildet, wobei man einen mitgeführten Tornister, Rucksack oder Koffer ausklappen musste. Auch für Lennep gab es natürlich mehrere Varianten dieser Ansichtskarten. Auf einer aus den noch 1930er Jahren sieht man einen Herrn, der gerade die Stufen des Bahnhofsausgangs herunter fällt, aus der großen Reisetasche fallen der Wechselkragen, die Haarbürste und das Rasierzeug heraus. Gruß aus Lennep und Soeben glücklich angekommen heißt es auf der Karte, was auf eine der gängigen Funktionen derartiger Ansichtskarten verweist. In der Zeit ohne Handy, Telefon und ohne Email schrieb man stattdessen Postkarten zu den verschiedensten Anlässen, z.B. gibt es in meinem Lenneparchiv auch Lebenszeichen auf normierten Eilkarten nach Bombenangriffen.

Das Feld der abgebildeten Reisetasche konnte man nun aufklappen, und es erschien das bewusste Leporello mit bis zu zehn oder mehr Einzelmotiven, und zwar solchen, die für sich auch als eigene Postkarten existierten.

Ein anderer ausklappbarer Gruß aus Lennep zeigt ein wanderlustiges Mädchen mit Gitarre, Rucksack und Kochtopf obendrauf. Dazu steht geschrieben: Lustig wie ein Fink, wandere ich und sing. Schaust Du in den Rucksack ein, siehst Du, wo ich denke Dein. Auch hier besteht der Inhalt des Rucksacks aus einem Leporello mit gängigen Lenneper Stadtansichten. Die hier beschriebene Karte wurde am 06. 06. 1940 gestempelt.

Kleeblatt- und Eichblattkarten
Eine weitere Besonderheit der Ansichtskartengeschichte sind die sog. Kleeblattkarten. Sie zeigen mit einem Gruß aus der jeweiligen Stadt ein mehr oder weniger naturgetreues vierblättriges Kleeblatt, das Glück wünschen soll. Meist ist auch eine Blüte des Klees farbig zu sehen. Das hier abgebildete Beispiel aus Lennep aus der Zeit um 1900 ist ein sog. Prägedruck und zeigt in den Blättern kolorierte Ansichten vom Lenneper Kreishaus, Rathaus, Stadtgarten und der Kaufmannsgesellschaft.

Wie bei den Kleeblattkarten dienen auch bei den Eichblattkarten die floralen Motive als Passepartout, das heißt, sie umgeben und begrenzen ein oder mehrere Stadtansichten bzw. Straßen oder Gebäudedarstellungen. Den Eichenblättern sind oft weiteres Blattwerk und zwei bis drei Eichelfrüchte beigegeben, meist hat eine davon das Fruchtwerk, den sog. Eichbecher bereits verlassen. Unser Beispiel zeigt innerhalb des Blattes eine sog. Total- oder Panoramaansicht über den Jahnplatz in Richtung evangelische und katholische Kirche. In der Ferne sieht man die noch junge Tränenallee, später: Albert-Schmidt-Allee. Die am 27. 11. 1902 gestempelte Karte stammt ebenfalls aus dem Lenneper Verlag Anna Kleins, in der Wetterauer Straße 13 um 1900 gleichzeitig Schreibwaren- und Zigarrengeschäft. Da es sich um eine Zeichnung handelt, ist nicht jedes Detail wirklichkeitsgetreu, oft wurden derartige Motive aufgrund von Fotografien hergestellt, dies jedoch aufgrund mangelnder Ortskenntnis unvollständig, verzerrt und oft auch mit falscher Beschriftung. So gibt es in der Sammlung Lempe z.B. eine Partie an der Cölner Straße, die in Wirklichkeit die Schillerstraße etwa um 1910 zeigt.

Mondscheinkarten
Diese Ansichtskarten, von denen die Sammlung Lempe auch einige enthält, zeigen eine Örtlichkeit bzw. eine mehr oder weniger partielle Stadtansicht im Mondschein. Meist, aber nicht unbedingt, ist dabei auch der Mond selbst zu sehen. Neben den ganz alten Lithografien gibt es zum Beispiel auch Fotoansichtskarten, bei denen durch Nachbearbeitung die Illusion der Nacht erst erzielt wurde. Beliebt waren Mondscheinkarten um 1900; die meisten Karten stammen aus der Zeit von 1898 bis 1906. Auch bei den hier ausgewählten beiden Lenneper Beispielen wurden bereits bestehende Ansichtskarten nachträglich verdunkelt und jeweils ein Mond eingesetzt. Bei dem einen Motiv handelt es sich um die kleine Parkanlage an der Ecke Berg- und Gartenstraße mit der sog. Friedenseiche, die heute dort noch besteht. Noch nicht mit auf dem Bild ist das Stallgebäude der Frau Kommerzienrat Hermann Hardt, das erst um 1910 errichtet wurde. Die Ansichtskarte mit dem Panoramablick über die Lenneper Altstadt und auf die beiden Kirchen gab es seiner Zeit in vielen Variationen. Das hier vorliegende Stück wurde vom Verlag bzw. der Buchhandlung Richard Schmitz gedruckt und wie man an der handschriftlichen Eintragung des Absenders sieht, am 31. 07. 1899 zur Post gegeben. Im Gegensatz zu heute galt die kleine parkartige Anlage unterhalb des Lenneper Bahnhofs als ein Schmuckstück des alten Lennep.

Die zweite Mondscheinkarte, handschriftlich datiert auf den 2. II. 1898, beruht ebenso wie die erste ursprünglich auf einer Fotografie. Sie zeigt Lennep in einem ähnlichen Panoramablick wie bei der gezeichneten Eichblattkarte und muss als eine ihrer Vorlagen interpretiert werden. Deutlicher als dort erkennt man das Holzlager der Lenneper Firma Wender und Dürholt im Vordergrund, und auch die neu gepflanzten Bäume am späteren Stadion bzw. der Wupperstraße sowie der Albert-Schmidt-Allee sind besser zu erkennen. Durchaus bemerkenswert ist, dass der Mond auf dieser Karte ein leicht gestaltetes Gesicht aufweist, denn dies kommt statistisch gesehen bei Mondscheinkarten eher selten vor, meist wird der Mond in der künstlich verdunkelten Ansicht nur als fahler weißer Fleck angedeutet.

Der vorstehende Blick in die Vielfalt der historischen Postkartenwelt zeigt anhand der Beispiele deutlich, dass insbesondere die Ansichtskarten weit mehr Funktionen besaßen, als nur eine Nachricht zu vermitteln. Retrospektiv stößt man nicht nur auf bauliche, sondern auch auf so manche historische, kulturgeschichtliche und soziale Aspekte, u.U. auch solche, die die damalige Zeit selbst nicht bemerkte oder die erst für uns heute überhaupt interessant sind.

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