Amelungen in Lennep?

05 Juli 2010 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

Amelungen? Nein, nein, gemeint sind hier nicht die Mannen Dietrichs von Bern in der klassischen Heldensage, auch nicht eine moderne Pfadfindergruppe, wenngleich wir hier der Angelegenheit schon näher kommen. Auf meinen Pfingstartikel neulich, in dem ich nicht nur auf die frühere Kirmestradition in Lennep, sondern auch auf die Geschichte des Jungdeutschen Ordens im Bergischen Land einging, erhielt ich so manche Reaktion, u.a. bot man mir ein zeitgenössisches Liederbuch des Jungdeutschen Ordens an. So interessant der Jungdeutsche Orden in Bezug auf die Lenneper Geschichte ist, noch näher liegt mir persönlich ein ganz spezieller Zweig der Jugendbewegung, der ebenfalls mit der damaligen Kreisstadt zu tun hat, und zu dem mir von meinem Vater (1914-2000) Material überliefert wurde, denn er war selbst dabei.

Es handelt sich um den Jungenbund der Amelungen als einer vorübergehenden Abspaltung vom sog. Nerother Wandervogel. Letztlich existierte er nur um das Jahr 1928/29, mit einer nur sehr kurzen Vorgeschichte und kaum spürbaren Nachwirkungen. Die folgenden kurzen Hinweise entstanden aus dem Material, dass ich seit einigen Jahren zusammen getragen habe, und aus dem vielleicht einmal ein kleines Büchlein mit Bildern werden kann, sofern ich über die Amelungen in Lennep noch mehr ermitteln kann. Vielleicht können Sie ja hier helfen?

Die Gründer des Nerother Wandervogels waren die Zwillingsbrüder Karl und Robert Oelbermann, die 1896 in Bonn geboren wurden. Die Beiden kamen 1910 aufgrund einer schweren Erkrankung der Mutter nach Lennep und wohnten wie Heinz Rühmann später im Alumnat des Real-Gymnasiums an der Hackenberger Straße. Immer wieder gibt es in der Literatur Hinweise, dass das Barett des Nerother Wandervogels sich an den damaligen Lenneper Schülermützen orientiert hat. Die Brüder Oelbermann gehörten in ihrer Lenneper Zeit zur Ortsgruppe des Altwandervogels und gründeten 1921 ihren eigenen Wandervogelbund der Nerother, so genannt nach dem Ort Neroth in der Vulkaneifel im heutigen Land Rheinland-Pfalz. Bereits rund sieben Jahre später jedoch, also im Jahre 1928/29, kam es zu einer Abspaltung von Nerother Jungenbund, dem im Einzelnen hier nicht weiter nachgegangen werden kann. Zum genannten Sezessionsvorgang heißt es im Lenneper Kreisblatt vom 06.11.1928:

Trennung im Bund der Nerother Wandervögel – Die Hälfte des Bundes ausgetreten! – Ein Bund der Amelungen. Im Bund der Nerother Wandervögel, der über ganz Deutschland verbreitet und durch seine Vorträge über Auslandsfahrten weithin bekannt ist, ist eine große Trennung eingetreten. Die Hälfte des Bundes hat sich von der Bundesleitung losgesagt, so dass aus dem Nerother Bund zwei Jugendbünde entstanden sind. Die Gründe sind in inneren Bundesangelegenheiten zu suchen. Der neue Bund nennt sich „Bund der Amelungen“, er hatte am Sonntag seinen ersten Bundestag in Bacharach am Rhein, wo sich einige hundert Jungen, in der Hauptsache aber nur die Führer, aus ganz Deutschland eingefunden hatten. Burg Stahleck (über Bacharach) stand im Zeichen des neuen Bundes. Es herrschte dort ein frohes Jungenleben, in großer Begeisterung wurde der neue Bundesritter auf den Schild gehoben.

Auch in der Lenneper Jungenschaft formierte sich ein Bund der neuen Amelungen, man las die damals typischen Jungenbücher wie Williams Neues Jugendbuch – Jugend und Welt, und die Amelungen nahmen als Motto Rilkes Gedicht „Der Knabe“ , in dem es anfangs heißt: „Ich möchte einer werden so wie die, die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren, mit Fackeln, die gleich aufgegangenen Haaren in ihres Jagens großem Winde wehn“. Im Jahre 1929 ging der neue Lenneper Amelungenbund in der Tradition der Nerother Auslandsfahrten mit ca.12-14 Jungen auf Wanderfahrt in die Schweiz und nach Italien. In Lennep wurde damals eine bis heute erhalten gebliebene Sammelmappe für Liedgut und Kleinschrifttum gebastelt, die neben den Bundesfarben der Nerother die neu-alternative Gestaltung der Farben der Amelungen aufweist. Zu den Farben Blau und Rot gesellte sich jetzt das Gelb. Durch einen aus Stoff ausgeschnittenen und auf die Sammelmappe aufgeklebten Löwen erkennt man, dass die Lenneper Amelungen sich dem Stamm der Löwenritter zugehörig fühlte, die bereits bei den Nerothern eine spezielle Gruppe besonders im Rheinland und Bergischen Land darstellten. In der genannten Mappe sammelte ein damaliger Lenneper Untersekundaner die Abschriften der Lieder, die „Die Amelungen singen“. Er beschrieb auch handschriftlich in einer Art Tagebuch die Reise in die Schweiz und nach Italien, wobei auch Fotos eingeklebt sind, und es ist ersichtlich, dass die Jungengruppe auch auf den Anführer des gesamten neuen deutschen Amelungenbundes traf. Es heißt dort nämlich bezüglich des Aufenthalts in Heidelberg: 01. 08. 29. Schloss gegangen. Fass gesehen. Im Neckar gebadet. Edi fährt im Kanou…Um fünf nach Mannheim gefahren. Walter Kosche kommt. Mannheimer Fähnlein an der Bahn. In der Jugendherberge geschlafen. Aufführung von Walter Kosche…. Lieder gesungen mit der Gruppe eines Professors aus Rastatt.

Leider können über die im Erlebnisbericht über der Schweizer Reise im Jahre 1929 erwähnten Vornamen nicht alle mitwandernden Lenneper Jungens verifiziert werden. Ein Mitgliederverzeichnis der Nerother aus dem Jahre 1933 aber, das in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt verwahrt wird, macht deutlich, dass sowohl die Lenneper Jungens, darunter zwei Architektensöhne, als auch die reiferen Fördermitglieder des Elternkreises, darunter ein Gymnasialprofessor, mehrheitlich dem Bildungsbürgertum der Kreisstadt Lennep entstammten. Eine Eigentümlichkeit des Deutschen Wandervogels war überhaupt, dass seine Mitglieder sich weit überwiegend aus der Mittelschicht rekrutierten, die es sich leisten konnte, ihre Kinder auf weiterführende Schulen zu schicken, und die stolz auf ihre Bildung war. Auch der Nachwuchs für Gesellen und Meister in Handwerk und Gewerbe spielte hier eine Rolle. Der eigentlichen Arbeiterwelt öffnete man sich jedoch selten und vergleichsweise spät, Das Elitebewusstsein der Wandervögel zieht sich durch seine Geschichte bis heute.

Die Führer der Wandervogelbewegung waren immer ein Kapitel für sich. Auch in der Sezession der Amelungen von den Nerothern spielten sie die entscheidende Rolle. Und zwar auf beiden Seiten. Die einfachst hektographierten Informations- und Kampfschriften, oft im ungefähren DINA5-Format, wurden nur in kleiner Auflage gedruckt und von Hand zu Hand weiter gegeben. Die meisten sind nur noch in speziellen Archiven zur Jugendbewegung und zum Wandervogel erhalten. Der eigenen Ideologie nach führten die Führer, nicht nur weil sie älter waren und von daher mehr Erfahrung gegenüber den Jüngeren besaßen. Sie traten vielmehr oft als charismatische Gestalten, mit eigenen Lehren und Absolutheitsanspruch bezüglich ihres Wollens, Denkens, Fühlens und Führens auf. Diese Führer waren naturgemäß älter als ihre jeweilige Jungenschaft, z.T. sogar wesentlich älter bzw. in einem Alter, in dem man bereits Berufe ausübt. Zwei der Oberführer der Amelungen waren schon promoviert, als sie im Streit mit den früheren Nerothern gegen diese die Führung übernahmen. Das Verhältnis zu ihren Jungen im pubertären Alter war insbesondere von der Seite der Jugendlichen in sämtlichen Jungenbünden emotional stark ausgeprägt. Dies führte in Einzelfällen zu Vorfällen, wie sie gerade in der gegenwärtigen Zeit in der Presse oft Thema sind. Im Falle des Nerothergründers Robert Oelbermann trug dies letzten Endes neben seiner provokativen Unbeugsamkeit den Nazis gegenüber 1941 zu seinem Tod im KZ Dachau bei. Die für uns Heutige schwülstig erscheinende Jungenromantik führt sich auch z.T. auf weniger gelungene Übersetzungen der seinerzeit beim Wandervogel sehr bekannten Lyrik des Amerikaners Walt Whitmann (Leaves of Grass, 1900) zurück, bei denen u.a. von „eng umschlungenen Jungen“ die Rede ist.

Wir können diese Dinge hier nicht weiter verfolgen. Sicherlich geben auch die Aufzeichnungen eines Lenneper Fünfzehnjährigen über eine Wanderfahrt in die Schweiz, auch wenn sie das damalige Denken und Fühlen der Jungen schildern, wenig für eine umfassende Beurteilung der Vorgänge her. Neben den Zeugnissen in Bibliotheken und Archiven sind jedoch immer die persönlichen Erinnerungen wichtig, die vielleicht noch vor Ort unentdeckt erhalten sind. Wer hätte denn gedacht, dass es in der Lenneper Bevölkerung zu einer nur kurz existenten Gruppierung des Wandervogels noch zeitgenössisch schriftliche Zeugnisse mit Bildmaterial gibt. Vielleicht aber gibt es ja noch mehr, vielleicht gibt es im Bergischen Land noch weitere Erinnerungen an die Amelungen, auch wenn die wirklichen Mitglieder allesamt inzwischen gestorben sein dürften. Der Autor dieser Zeilen würde sich freuen, hier noch durch die Leser dieser Zeilen etwas zu finden. Immerhin verfolgt er das Thema seit mehreren Jahren.

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