Albert Schmidt und Bürgermeister Sauerbronn

06 Februar 2017 , Verfasst in Aus dem alten Lennep 

Der Lenneper Baumeister und Architekt Albert Schmidt (1841-1932) berichtete in seinen privaten und geschäftlichen Erinnerungen mehrfach über die Entwicklung des Lenneper Stadtbildes in den 1880er Jahren. Dabei hob er immer wieder seine gute Zusammenarbeit mit dem seinerzeitigen Lenneper Bürgermeister Sauerbronn hervor, dem er dabei eine „eigenartige, kluge und geschickte Tätigkeit“ bescheinigte. Peter Eduard Ferdinand Sauerbronn lebte von 1833 bis 1901 und war nach einem Regierungsreferendariat im hohenzollernpreußischen Sigmaringen (1864-1866) in der Zeit von 1872 bis 1897 Bürgermeister der Stadt Lennep. Im Jahre 1874 heiratete er in Lennep Caecilia Johanna Dorothea Clarenbach. Obwohl nach dem Bürgermeister der damaligen Kreisstadt in Lennep eine repräsentative Straße benannt wurde, ist über ihn heute doch eher wenig bekannt. Albert Schmidt nun hebt Ferdinand Sauerbronn bezüglich seiner oben angesprochenen Eigenartigkeit in den bisher ungedruckten Lebenserinnerungen wie auch in einem kürzeren Artikel des Lenneper Kreisblatts in den 1920er Jahren mehrfach hervor.

Albert Schmidt (1841-1932) und Peter Eduard Ferdinand Sauerbronn (1833-1901). Sauerbronn war Bürgermeister in Lennep in den Jahren 1872-1897. Die Abb. Sauerbronns wurde vom Hist. Zentrum  / Stadtarchiv Remscheid zur Verfügung gestellt. Alle anderen Abb. dieses Beitrags: Lennep Archiv Schmidt.

Danach war der Lenneper Stadtrat für den Bürgermeister Sauerbronn ein Instrument, auf dem er meisterhaft zu spielen verstand, nicht durch die Macht der Überredung, er ließ andere für seine Ideen kämpfen, sondern dadurch, dass er nichts vorbrachte, ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass die maßgebende Mehrheit dafür war. Sauerbronn hatte das Glück, auf diese Weise eine Mehrheit im Stadtrat zu haben, die für alle Dinge der fortschreitenden Entwicklung zu haben war. Es fehlte auch damals zwar nicht an Opposition von Seiten der Konservativen, die jedem Fortschritt abhold waren, und auch nicht an Kritikern, die politisch fortschrittlich sein wollten, aber so manchen Fortschritt doch ablehnten, weil durch neue Einrichtungen Schulden gemacht werden mussten.  Diese Richtungen, so Albert Schmidt, blieben aber bei allen großen Fragen der städtischen Entwicklungen dank der Regierungskunst des Bürgermeisters in der Minderheit.

In der jahrelangen Zusammenarbeit in der städtischen Baukommission, welche für den Baumeister Albert Schmidt vierzehn Jahre lang auch mit den Funktionen eines Stadtbaumeisters verbunden war, hatte der Herr Bürgermeister die Eigenart der Technischen Mitglieder gründlich kennengelernt und wusste sie im Interesse der Stadt auszunutzen. Wenn er sonntags im Zylinder und Gehrock, von einigen Stadträten begleitet, Albert Schmidt in seinem Hause an der Knusthöhe einen Besuch machte, so wusste man, dass er nun versuchen würde, ihn zu irgend einem neuen Projekt, und natürlich mit der Betonung des städtischen und allgemeinen Interesses und Volkswohls, zu veranlassen.

Wohnhaus und Büro des Baumeisters Albert Schmidt an der Lenneper Knusthöhstraße. Hier empfing er oftmals den Bürgermeister Sauerbronn, wenn dieser wieder einmal einen Plan hatte, den Lenneper Fortschritt geschickt zu befördern. Bis 1889 arbeitete Albert Schmidt hier auch vierzehn Jahre als nebenamtlicher Stadtbaumeister ohne Bezahlung, bis hauptamtlich eine solche Stelle besetzt wurde. Seine städtische Aufwandsentschädigung für Bleistifte, Papier und dergl. stiftete er sozialen Einrichtungen.

Im Frühjahr 1885 erschien Sauerbronn an der Spitze einer Kommission, um dem Baumeister zu erzählen, dass der Zugang zum Bahnhof durch die schmale Bahnhofstraße, das war damals die heutige Bergstraße, doch ungenügend sei, eine direkte Verbindung des Bahnhofs mit dem Inneren der Stadt sei herzustellen, und das Ganze sei eine Anlage, die durch die dadurch gewonnenen wertvollen Bauplätze sicher sofort rentabel zu machen sei. Es hätte ja nun nahe gelegen, dass die Stadt die notwendigen Straßen erbaute, aber es war damals im Stadtrat keine Stimmung dafür, weshalb der Bürgermeister dem Baumeister Schmidt vorschlug, die später sog. Kaiser-Straßen-Spekulation ins Werk zu setzen, die Stadt wolle ihm in jeder Beziehung behilflich sein und die Grundstücke in Besitz bringen. Die Kosten für Straßenanlagen und Grunderwerb sollten dann auf die zu gewinnenden Baustellen umgelegt werden. Das Vorhaben wurde natürlich vom Bürgermeister als ein äußerst rentables Geschäft für Albert Schmidt geschildert, und da dieser damals nicht übermäßig beschäftigt war und glaubte, das Vorhaben durchführen zu können, so erklärte er sich bereit, das Projekt in Angriff zu nehmen.

Die Lenneper Kaiserstraße vor 1910 mit dem Rathaus von 1889. Im Hintergrund der erste Lenneper Bahnhof. Vorne links an der Ecke zur Düstergasse, damals eine Zeit lang auch Rathausstraße genannt, lag das Geschäft der Ofenhandlung Hugo Heuck, das rechts in einer sog. Idealansicht für Werbezwecke wiedergegeben ist.

Man begann also, die heutige Bahnhofstraße (damals Kaiserstraße) und die heutige Düstergasse (damals ein Zeit lang Rathausstraße) zu erbauen. Auch einige Wohnhäuser wurden dort schon errichtet. Und man war noch mit dem Straßenbau beschäftigt, da erschien der Bürgermeister Sauerbronn nach Albert Schmidt wieder in Gala, und zwar in Begleitung des damalig höchstrangigen Eisenbahnmanagers. Es sollte nun auch ein Eisenbahnbetriebswerk errichtet werden. Es hieß, man habe die Wahl zwischen Lennep und Remscheid und wollte dem Minister denjenigen Ort vorschlagen, der das meiste Entgegenkommen zeigte und ein Gebäude dafür zur Verfügung stelle. Die Eisenbahnverwaltung wollte, wie es hieß, nicht selbst bauen, da die weitere Entwicklung des Lenneper Bahnhofs abgewartet werden solle, sie war aber geneigt, das Gebäude für sechs Jahre zu mieten und es alsdann anzukaufen, weshalb ein Vorkaufsrecht im Mietvertrag vorgesehen werden sollte. Jetzt galt es, den Lokalpatriotismus der Techniker, vor allem des Generalplaners Albert Schmidt, aufzupeitschen. Die weitere Entwicklung der Stadt, der ein Eisenbahnbetriebsamt sehr dienlich sein würde, müsste doch das Bestreben aller Lenneper sein. Albert Schmidts Bemerkung, es wäre doch am einfachsten, wenn die Stadt selbst das Betriebsamt erbaue, wurde vom Bürgermeister als unmöglich hingestellt, weil alles doch vorläufig und ein Provisorium sei. Die erworbenen Grundstücke an den neuen Straßen lägen sehr bequem für die Bahn, und es müsse doch dazu beigetragen werden, das Betriebsamt für die Kreisstadt Lennep zu sichern. Albert Schmidt erklärte sich denn auch bereit, das Gebäude auf seine Kosten nach dem Plan des Eisenbahninspektors zu erbauen. Ein Mietvertrag mit der Eisenbahn wurde abgeschlossen, aber so gefasst, dass der Erbauer wohl gebunden war, nicht aber die Eisenbahn, ihre ursprüngliche Absprache zu halten. Infolgedessen wurde das Gebäude nicht nach sechs, sondern erst nach zwanzig Jahren im Jahre 1906 für die ursprüngliche Vertragssumme von ihr angekauft, ein Verlustgeschäft für den Planer und vorleistenden Erbauer. Auf ähnliche Weise wurde nach Albert Schmidt auch das sog. Vereinshaus mit Alumnat und Versammlungssaal zuerst auf seine Kosten errichtet und dann vom Verein für Gemeinwohl übernommen.

Das alles ist heute vergangen, durch Krieg und Nachkriegszeit. Links sieht man das ehemalige Vereinshaus, das eine Zeit auch das Lenneper Alumnat beherbergte, über lange Jahre residierte hier später das RWE, das rechts abgebildete Gebäude war zunächst das Hotel Kaiserhof, nach dem 2. Weltkrieg war hier die Lenneper Sparkasse angesiedelt.

Dann kam im Frühjahr 1889 der Rathausbau. Albert Schmidt schildert ihn so: „Der Herr Bürgermeister hatte einen Verbündeten gefunden, der das Grundstück zum Rathausbau der Stadt für 1 Mark verkaufen wollte, wenn er es vom Unternehmer des Kaiserstraßenbaus zum Selbstkostenpreis erwerben konnte. Dieser wurde aufgefordert, eine Kalkulation der Kaiserstraßen-Spekulation mit allen Ausgaben und Einnahmen für die verkauften Grundstücke einschließlich Zinsen aufzustellen. Es stellte sich heraus, dass das Rathausgrundstück dann den Unternehmer 3500 Mark kostete. Der fragliche Herr übernahm das Grundstück mit der Bemerkung, dass der Verkäufer nichts an der Spekulation verdienen dürfe, weil ja auch er das Interesse der Allgemeinheit fördern müsse.“

Im Jahr 1890 sollte der Berliner Hof durch die Stadt für das Bezirkskommando, eine Vorform des Kreiswehrersatzamts, angekauft werden. Bürgermeister Sauerbronn holte wieder einmal seinen Zylinder hervor und machte bei Albert Schmidt einen freundlichen Besuch, wobei u.a. mehr beiläufig erwähnt wurde, es wäre doch sehr bedauerlich, wenn der einzige Gasthof für bessere Reisende, der „Berliner Hof“ nun seiner eigentlichen Funktion beraubt werden sollte. Es wäre sicherlich ein glänzendes Geschäft, wenn ein neuer Gasthof auf dem Eckgrundstück dem Bahnhof gegenüber an der Kaiserstraße (heute Bahnhofstraße) errichtet würde, natürlich habe auch die Stadt Lennep Interesse an der Sache, da doch die Reisenden der besseren Stände, die die Stadt besuchten, die Gelegenheit haben müssten, angenehm zu logieren. Die guten Aussichten für die Rentabilität, insbesondere wegen des angekündigten Fortfalls des Berliner Hofs sowie die Bewertung des brachliegenden Grundstücks an der oberen Kaiserstraße veranlassten den Lenneper Baumeister dann im Jahre 1890, mit dem Bau des „Kaiserhofs“ auf eigene Rechnung zu beginnen. Aber aus der Umwandlung des „Berliner Hofs“ in ein Bezirkskommando ist nichts geworden, wodurch der „Kaiserhof“ von vorne herein für Logiergäste wenig benutzt wurde und das Mieterträgnis so gering blieb, dass kaum Zinsen und Unkosten gedeckt wurden. Der Baumeister war also wieder hereingelegt worden, so sah er es selbst, und hat nach jahrelangen Kämpfen mit den verschiedenen Mietern das Gebäude unter Selbstkostenpreis verkauft, da er es nicht ertragen konnte, „auf dem Wirtshausschild nach den gesetzlichen Bestimmungen als Herbergsvater zu figurieren.“

Das Lenneper Hotel  „Berliner Hof“ reicht mit seinen Fundamenten bis ins 18. Jahrhundert zurück, 1890 hieß es, es sollte nun die Kommandozentrale des heimischen Landwehrbezirks beherbergen. Dann hätte man natürlich in Lennep ein neues Hotel gebrauchen können. Aber daraus wurde nichts und das neu errichtete „Hotel Kaiserhof“ gegenüber dem Bahnhof konnte sich nicht durchsetzen.

Man kann davon ausgehen, dass der Lenneper Baumeister und Architekt Albert Schmidt bei den hier von ihm selbst geschilderten Vorhaben nicht zum armen Manne wurde. Insgesamt wird er als Generalplaner und Investor bei der genannten Kaiserstraßen-Spekulation unter dem Strich gut verdient haben, wenn er auch als zeitweises Mitglied des Städtischen Bauausschusses an öffentlichen Aufträgen nichts verdienen durfte. Vierzehn Jahre war er auch “nebenberuflicher”, aber „funktionierender“ Stadtbaumeister der Stadt Lennep und begleitete in dieser Funktion bis 1889 den Lenneper Bürgermeister in dessen Plänen, bis eine hauptamtliche Stadtbaumeisterstelle eingerichtet werden konnte. Der Mangel an materiellen Erfolgen, welche er durch die geschilderten Anregungen des Bürgermeisters Sauerbronn zu verzeichnen hatte, war für ihn sicherlich verkraftbar, da er durch die Aufträge in der Industrie Lenneps und an der Wupper ausgeglichen wurde. Die Anlage und der Ausbau der damaligen Kaiserstraße und der umliegenden Grundstücke in der sog. Gründerzeit, insbesondere in den 1880er Jahren im Zusammenhang der damals notwendigen Stadterweiterung, die u.a. durch die steigende Bedeutung des Lenneper Bahnhofs begründet war, wurden zu einem Aushängeschild des wilhelminischen Lennep. Und diese Entwicklung wurde nach der Auffassung Albert Schmidts in erheblichem Maße durch die eingangs hier erwähnte Eigenartigkeit des Bürgermeisters Sauerbronn verursacht und gefördert. Albert Schmidt formulierte hier: „Unser Stadtoberhaupt konnte alle diese großartigen Projekte, Verhandlungen und Vorarbeiten ohne besondere städtische Beamte vornehmen lassen, sein Stadtbüro bestand nur aus dem Stadtsekretär Albert Frielinghaus und einem Schreiber, heute würden dafür zwanzig Beamte notwendig sein. Aber er ließ die Baukommissionen mit dem interimistischen Stadtbaumeister und  der Wasser- und Kanalkommission arbeiten“. Und an anderer Stelle heißt es zuletzt: „Aus den Tatsachen geht aber hervor, dass der Bürgermeister ein äußerst geschickter Unterhändler für das Interesse der Stadt war und es fertigbrachte, auch andere für die Allgemeinheit einzuspannen, ohne die Stadt damit zu belasten.“ Nicht umsonst ist so verstanden Albert Schmidts Charakterisierung Ferdinand Sauerbronns innerhalb der bisher unveröffentlichten Lebenserinnerungen Albert Schmidts ein Teil eines Kapitels über „Lennep und die Wohlfahrtsanlagen“, innerhalb dessen neben den Themen Kanalisation und Schlachthof auch die Arbeiten zur Höheren Bürgerschule in der Hardtstraße, die überaus schwierigen Ausbesserungen am Kirchturm der evang. Stadtkirche und die schrittweise Errichtung des Neubaus für die Kaufmannsgesellschaft behandelt werden. Inzwischen liegt ein neu erfasstes Typoskript dieses Erinnerungsabschnitts von Albert Schmidt vor, wir werden es in absehbarer Zeit gänzlich zugänglich machen.

Albert Schmidt übergab das Lenneper Baugeschäft im Jahre 1903 an seinen Sohn Arthur Schmidt, war jedoch noch lange Zeit als Planer, insbesondere auch im Bereich Talsperren und Wasserbau überhaupt tätig. Ab 1924 schrieb er seine Lebenserinnerungen nieder, bzw. er diktierte sie einer Verwandten direkt in die Maschine. Die privaten und geschäftlichen Lebenserinnerungen liegen als Typoskripte im Stadtarchiv Remscheid vor. Sie wurden inzwischen digital erfasst. Das hier letzte Foto zeigt den Lenneper Baurat in hohem Alter. Er starb 1932 in seiner Geburtsstadt Lennep auf seinem Anwesen Knusthöhe 16.

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