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Ein Frankfurter Lenneper im (Un)Ruhestand
Von Renate Hulverscheidt


Zum Monat Mai 2012 trat Dr. Wilhelm R. Schmidt, der seit ca. fünfzehn Jahren seine Rundmails zur Geschichte Lenneps verfasst, dazu auch mehrere Bücher bzw. Bildbände veröffentlichte und Lenneper Ausstellungen produziert, in Frankfurt am Main in den beruflichen Ruhestand.

Geboren 1947 im alten Lenneper Krankenhaus von 1875 vorne an der Hackenberger Straße und aufgewachsen am Mollplatz, ging er als Kind in den Kindergarten in der Hardtstraße, heute Kinderhaus Westerholt, und verbrachte seine Volksschulzeit zunächst im alten Gebäude der nahe gelegenen Freiherr-vom-Stein-Schule, später dann in der Schule zur Glocke an der oberen Kölner Straße. 1961 wurde er von Pfarrer Spengler in der Lenneper Stadtkirche konfirmiert und war in dieser Zeit über den CVJM ein häufiger Gast in den evangelischen Zentren an der Hardt- und Thaerstraße.

Nach dem Abitur am Röntgen-Gymnasium studierte Schmidt, sozusagen als einer jüngsten Alt68er, Mitglied einer studentischen Korporation und Anhänger der damaligen sozialliberalen Bewegung, ab dem Wintersemester 1966/67 in Gießen Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft, Neuere Geschichte, Politik, Sozialwissenschaften und Öffentliches Recht, insgesamt eine Art Studium Generale, auch mit Teilen der Medizin und Wirtschaftswissenschaft, wobei das Fach Philosophie immer mehr in den Vordergrund rückte. Schwerpunkte waren hier die Gebiete Existenzphilosophie, Geschichtstheorie sowie Philosophische Anthropologie. Das Magisterexamen erfolge im Jahre 1973, die Promotion 1980 im Bereich der italienischen Geschichtsphilosophie (Giambattista Vico). Als Wissenschaftler am Zentrum für Philosophie und die Grundlagen der Wissenschaften in Gießen zwischen 1972 und 1981 arbeitete er mit am monumentalen Historischen Wörterbuch der Philosophie und war Mitherausgeber der Suhrkamp Gesamtausgabe des Philosophen und Soziologen Helmut Plessner, den er nach seiner Wiederkehr aus holländischem Exil 90jährig in Göttingen mit seiner Frau Monika, die über die Literatur der Schwarzen schrieb, noch kennenlernte. Die ursprüngliche Habilitationsabsicht im Bereich Philosophische Anthropologie der 1920er Jahre mit damit zusammen hängenden Berufsangeboten an der FU Berlin bzw. der Lessing Akademie in Wolfenbüttel gab er zugunsten des langfristig sicheren Bibliotheksberufs wieder auf. Ein, wenn auch nur sehr äußerlicher, Höhepunkt seines „philosophischen Lebens“, das gewiss auch im Ruhestand nicht abgeschlossen sein wird, war ein Mittagessen mit Bundespräsident Köhler und Frau im Schloss Bellevue im Zusammenhang der Ehrung seines philosophischen Lehrers Odo Marquard im Jahre 2008. Zukunft braucht Herkunft, diese zunächst philosophische These des Münsteraner Philosophem Joachim Ritter, die z.Zt. sich auch der Bergische Geschichtsverein-Abteilung Remscheid ähnlich auf seine Fahnen schreibt, setzte sich über Marquard fort bis in die spätere praktische Bibliotheksarbeit Schmidts, nämlich die Rettung gefährdeten Kultur- und Schriftguts.

Nach dem Abschluss seiner Bibliotheksausbildung im Herbst 1982 arbeite Dr. Schmidt zunächst bis 1985 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt a.M. und bis 1989 als Stellvertretender Direktor des Öffentlichen Bibliothekssystems in Hannover mit Wissenschaftlicher Stadtbibliothek, Musikbibliothek, Fahrbücherei und 22 dezentralen Bibliotheken.

Von 1989 bis 2012 war Dr. Schmidt sodann als Bibliotheksdirektor und Stellvertretender Leiter des universitären Gesamtsystems bei der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main tätig, die seit 2005 als Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg der Frankfurter Goethe-Universität firmiert.

Zu seinen Arbeitsgebieten gehörten neben der alltäglichen Direktionsarbeit (Personal, Finanzen, Bau usw.) die Entwicklung nationaler und supranationaler Strategien zur Bestandserhaltung historischer Bestände, zunächst im Bereich Mikroverfilmung, später die Begründung der ersten bundesweit großen und durch bedeutende Drittmittel (VW, DFG) geförderten Digitalisierungsvorhaben in verschiedenen Bereichen. Mit seinem Namen sind darunter besonders die Gebiete Flugblätter und Flugschriften der Revolution von 1848, Koloniales Bildarchiv und Israel/Judentum verbunden. Zehn Jahre lang wirkte Dr. Schmidt zusammen mit weiteren Direktoren und Professoren als Gutachter für diesen Bereich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und als Sachverständiger im DIN-Bereich.

Bei der Durchführung großer Literaturausstellungen kam es zu interessanten, z.T. sehr persönlichen Kontakten u.a. mit Günter Grass, Walter Jens, Marlene Streeruwitz, Eva Demski, Robert Gernhardt und Marcel Reich-Ranicki. Es ging dabei auch um die Akquisition ganzer Literatur-Archive und der sog. Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas u.a.)

Neben seiner 22jährigen Leitung und Herausgabe der weltweit bedeutendsten Bibliographie zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft (BDSL) lehrte Schmidt auch an der hauseigenen Frankfurter Fachhochschule für Bibliothekswesen und setzte damit seine bereits Anfang der 1970er Jahre begonnenen Lehrtätigkeiten an Volkshochschulen, Heimvolkshochschulen und berufsbildenden Schulen fort, auch als Dozent im Bereich des Vorhabens Buch- und Medienpraxis der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt a.M.

Die im Hessischen Bereich von Schmidt ins Leben gerufene Aktion Notbuch, mit der Spender für die konservatorische Rettung historischer Buch- und Schriftmaterialien geworben werden, verweist nicht zuletzt auf einen wesentlichen Teil seiner Tätigkeit, nämlich für gute Zwecke Spenden zu sammeln. Dies bewirkte im bergischen Bereich z.B. den wiederholten Hinweis auf das Café Namibia der evangelischen Kirchengemeinde in Lennep. Seine Einwerbung von Spenden in diesem Bereich verbindet sich auch mit seiner früheren beruflichen Tätigkeit, bei der er im Rahmen der Sicherung historischer Bildmaterialien aus der Kolonialzeit insbesondere auch nach Namibia kam, dort Kontakte knüpfte und bis heute unterhält.

Mehrere Kunstgegenstände bzw. deren Verkaufserlös stiftete er bereits an das Lenneper Café Namibia, darunter ein Gemälde von Hasenclever-Burg, das früher in seinem heute nicht mehr existenten Vaterhaus am Mollplatz hing. Die Briefmarkensammlung seines Vaters ging 2011 zur Verwertung an das Lenneper Tierheim. Der Bezug zu Namibia, der letztlich auch auf Planungsarbeiten seines Urgroßvaters Albert Schmidt für einen Staudamm im Sambesigebiet aus dem Jahre 1907 zurückging, äußert sich nicht zuletzt darin, das Dr. Schmidt sich zur Verabschiedung in seiner Frankfurter Bibliothek keine Einzelgeschenke wünschte, sondern Geldspenden für das Lenneper Café Namibia. Er hat den Betrag nunmehr verdoppelt und der Kirchengemeinde angeboten.

Immer wieder wird Dr. Schmidt besonders in der letzten Zeit gefragt, ob er denn nun nach seinem beruflichen Leben nach Lennep zurückziehen werde, um sich noch mehr der bergischen und speziell Lenneper Geschichte zu widmen. Eine Verstärkung der Aktivitäten, auch im Ausstellungs- und Vortragsbereich, wird in Zusammenarbeit mit den heimischen Institutionen und Vereinen sicherlich Wirklichkeit werden, z. Zt. hat er schon mehrere Anfragen aus Lennep und Oberberg für Vorträge, bei den Ausstellungen könnte er sich als nächstes etwas zu seiner umfassenden Sammlung der Lenneper Postkarten vorstellen, die auf Dauer im Remscheider Stadtarchiv archiviert werden sollen, nachdem sie für unterschiedliche Zwecke sicherheitsverfilmt und mit Vor- und Rückseite für den öffentlichen Gebrauch digitalisiert wurden. Auch die Rolle von Albert Schmidt in Aggergebiet im Zusammenhang der Familie Leopold Krawinkel könnte, nur zum Beispiel, ein Thema sein usw.

Andererseits jedoch, und dies ist gewiss kein Gegensatz, ist Dr. Schmidt seit 1966 bereits auch die Stadt Gießen zur Heimat geworden, wo er seitdem wohnt, und natürlich auch die nahe gelegene Region des Vogelsbergs, aus der sämtlich die Vorfahren seiner Ehefrau stammen. Auch dort gibt es Historisches und Interessantes, die oberhessische Worschtkultur, die u.U. die der Thüringer noch in den Schatten stellt, und deren Produkte die Oberhessen früher in Kiepen bis nach Belgien und Frankreich brachten, die Glasbläsertradition und die Köhler mitten im Wald, deren frühere Existenz für den Laien nur noch an den schwarzen Waldbodenstellen erkennbar ist.
(Stand der Darstellung: Juni 2012)


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